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Dieser Beitrag fällt in die Kategorie: warum wir überlaufene Routen nicht mögen...


Es ist ein strahlend schöner Tag, wir haben keinen Stress. Genauer gesagt haben wir diese Route gewählt, weil sie leicht ist, landschaftlich schön sein soll und für unsere Verhältnisse eine "gma'hde gmiatliche Wiesn".

Landschaftlich schön - check!

Der Zustieg läuft wie immer flott. Wir treffen beim Zustieg eine Seilschaft, so weit so gut. Die Kerle sind recht nett, flugs sprechen wir uns ab, welche Route sie heute planen. Natürlich unsere. Umdisponieren? Na i wo, das geht schon. Beim weiteren Zustieg sind wir kurz noch gleichauf, dann hängen wir sie ab (nachdem sie sich beim Einstieg verlaufen und wir ihnen sagen, dass sie gerade an der falschen Stelle suchen).
Nach einigen Minuten (wir wollen gerade starten) kommen sie um die Ecke, bleiben aber in einiger Entfernung stehen. Sollen wir sie noch vorlassen? Wir sind ja eine Dreierseilschaft, eventuell sind sie doch schneller als wir?
Höflichkeit ist nicht der alleinige Grund sie vorlassen zu wollen, das gebe ich zu. Mich stressts einfach irrsinnig, wenn so unrunde Speed-Kletterer uns im Nacken sitzen. Ich täte sie ja vorlassen, nur die Burschen kommen nicht daher, sitzen offenbar unsere erste Seillänge in einiger Entfernung aus...
Naja, unlängst haben wir ja auch eine Zweierseilschaft ordentlich abgehängt, warum sollten wir heute langsamer sein? Nur stressen wollten wir uns heute ja nicht. Es ist grad mal 11 Uhr, es liegen 7 SL vor uns, alle easy, stabiles Wetter ist angesagt und wir haben endlos Zeit. Möchte man meinen...

Wir starten los. Erste Seillänge läuft gut, zweite Seillänge etwas langsamer. Dann am Stand: Philip will die dritte Seillänge nicht vorsteigen. Piazzen ist nicht so sein Ding, der Kopf macht schlapp. Alex wird weitergehen.
Vorstiegswechsel. Zu dritt. An einem Standplatz, wo jeder fast nur auf einem Bein steht. Grandios.
Die Jungs sichern sich, tauschen Seilenden. Die Zeit verrinnt. Gefühlte 15min Seilgewurschtel später tönt es ziemlich angezwiedert von unten herauf: "Jetzt tats endlich weiter, wir haben wegen euch schon eine halbe Stunde Zeit verbraten!".
Ich merke, wie der Stress schon wieder in mir hochblubbert. Aber hallo? Wir haben niemanden gezwungen zu warten, man hätte auch höflich fragen können, ob man als erstes einsteigen kann. Wir klettern weiter, ich rufe der zweiten Seilschaft zu: "Ihr könnts uns eh überholen!". War nicht böse gemeint, sondern ehrlich. Wir warten sogar am nächsten Stand, der breit und geräumig ist und warten... und warten.... keiner kommt daher... warten die jetzt drauf, dass wir wieder weiterklettern?

Na guat, ok. Alex schimpft. Jetzt ist er gestresst und nervös. Noch einmal wollen wir uns auch nicht anpflaumen lassen. Und eigentlich klettern wir normal recht flott. Der Vorstiegswechsel war halt ungünstig. Ausserdem, wieso stressen die so? Es sind 7 Seillängen, wir sind in der dritten und es ist noch nicht mal Mittag? Ganz unten am Einstieg steht wieder eine Seilschaft in der Sonne, die haben allerdings keinen Stress, sondern jausnen gerade. Na, wenigstens irgendjemand ist nicht gestresst. Ich meine, ist ja nicht so, dass wir gerade in der Eiger Nordwand wären, dunkel wird's auch noch lange nicht und überhaupt... hatte die ganze Woche Stress, da muss das nicht noch am Samstag in einer vermeintlich "g'miatlichen Routn" sein.

Ultrasupermegagmiatliche Route

Sollen wir jetzt weiterklettern oder warten, bis die überholen? Wir überlegen hin und her, aber da nach gefühlten Stunden immer noch niemand auftaucht, vermuten wir dass die Jungs offenbar darauf warten, dass wir weiterklettern.
Ok Alex, gib Gas. Mit raschelnden Klemmkeilen und Friends am Gurt entschwindet er uns. Bald hat er Stand und ich vernehme meinen Seilzug. Kurz denke ich mir noch: Die Jungs hinter uns warten offenbar unsere Kommandos ("Staaaaand") ab, um sich selbst danach zu richten, wann wir den nächsten Stand freiräumen, was tun die jetzt, wenn wir auf lautlose Seilzeichen wechseln? Grübelnd piazze ich weiter (Piazzen, schon wieder? Wer hat hier eigentlich zwei Piaz-Stellen eingebaut?) und hänge die nächste Exe aus. Philip ist gleich hinter mir.
Über eine glatte Platte schleiche ich nach oben, unter mir ein kleines Band mit Schotterauflage. Für so eine leichte Route, ist eigentlich überall super Fels und de facto nie Schrofengelände, denke ich mir. Eigentlich eine schöne Route, wenn wir nicht alle schon so genervt und unrund wären. Der Ton macht halt die Musik und dieses bissige Kommentar zu Beginn, hat uns alle irgendwie aus der Bahn geworfen. Mich vor allem, ich wollte die Zweierseilschaft sowieo gerne vorlassen... Das ist wie auf der Autobahn, ich hasse so Stresser im Genick.

Mein Blick schweift zur nächsten Exe, die in einem Keil hängt. Achja... Keil. Keilentferner wird rausgepfriemelt und ich mache mich ans Werk. Während ich noch fluche, dass ich die Exe weder aus meinem Seil, noch aus dem Keil kriege, geschweige denn den Keil aus der Wand, merke ich, dass mir schön langsam die Kraft ausgeht. Ich bin zu klein für diese Stelle, der Keil ist weit über mir, der Seilzug kommt aber von links und ich sollte eigentlich auch nach links weiter klettern. Alex hat da sicher locker aus der Hüfte eingehängt, bei mir ist die Exe aber in Brusthöhe. Das Seil ist schon so straff eingezogen, ich kann mich einfach nicht mehr aushängen. Also hoch die Hüften, junge Frau, sonst wird das nix. Ich frage Philip, der schon nachkommt, ob er den Keil später rausfummeln kann, ich bin offenbar zu blöd. Ich schiebe mich und meine Hüfte höher, damit ich endlich das verflixte, straffe Seil aus der Exe schieben kann. Immer weiter drücke ich mit den Füßen hoch, ich sollte jetzt mal umgreifen, sonst wird das nix mehr mit dem Gleichgewicht und ehe ich darüber nachdenken kann, wie das jetzt passiert ist, hänge ich 2m weiter unten in der Wand. Damn you Seildehnung!

Immer wieder überraschend, so ein Abflug! Tja, ich stürzte ja äusserst ungern. Und an alpinen Routen hat man nicht zu stürzen junge Dame! Oh gut, der Keil hält. Sonst hätte ich sicher einen hübschen Pendler hingelegt. Die Haut meines Fingers hält auch ziemlich gut: 2m über mir am Fels. Memo Dani: Festkrallen im Flug ist immer eine doofe Idee!
Der Tritt hat sich leider verabschiedet. Oder ist nur mein Fuß gerutscht, durch das nervöse herumfummeln und Gewichtverlagern bei der "Operation Klemmkeil"? Wie auch immer, ich hänge mal so rum, Philip schaut mich verdutzt und erschrocken an. Damit hat er in der pimperleinfachen Route sicher auch nicht gerechnet, dass es mich so einfach runterplumpst.
Während ich mich wieder raufarbeite, schaut von unten der Kerl aus der anderen Seilschaft zu uns rauf: "Jetzt passt doch  mal auf, ihr schmeissts da einen Haufen Steine runter!!!".
Philip schaut ihn zuerst noch eine Minute entgeistert an und sagt dann "ja, mei Freindin is grod einigrutscht."
Der Vorsteiger unter uns, scheint die Situation nicht ganz erfasst zu haben (ich hänge 2m unter der Exe, sollte ihm irgendwie schon auffallen), noch einmal werden wir barsch hingewiesen, dass wir Steine losgetreten hätten. Ich bin schön langsam ein bisserl gereizt, gebe ich zu. Während ich es jetzt - danke Seildehnung - endlich schaffe, das nun nicht mehr so straffe Seil aus der Exe zu schieben, schreie ich nach unten "Ja sorry, i bin grod g'stürzt!" Danke übrigens vielmals der Nachfrage, mir gehts eh gut, füge ich in Gedanken hinzu. Dass der herunterfallende Stein ausgebrochener Fels war, der mich zu Sturz gebracht hat, is eich eh egal, oder?

Ich klettere weiter hinauf zu Alex, teile ihm mit, dass Philip den Keil auch nicht rauskrieg. Alex schaut mich verdattert an und erklärt, das wäre ja gar nicht unserer, der war schon da und steckt offenbar fest. AHHH!
Ich gebe die Stille-Keil-Post an Philip weiter, der den Keilentferner zähneknirschend verräumt und nachkommt.
Scheissdreck! Jungs, wir haben da ein Kommunikationsproblem! Wir vereinbaren uns ab jetzt Zeichen, für Keile oder Friends, die von anderen Seilschaften für die Ewigkeit gelegt wurden, damit wir uns damit in Zukunft nicht endlos plagen müssen. Da hätte man auch vorher dran denken können.

Unsere Route zieht nun ein Stück nach rechts, das Kriechband wartet. Alternativ wäre ein Ausstieg über eine alpine (Nix Haken, nur Spass) Fünf geradeaus möglich, aber der Gedanke wieder von unten angepöbelt zu werden, lässt uns über das Kriechband flüchten. Schnauze voll irgendwie.
Alex grummelt und steigt vor.
Philip grummelt deprimiert etwas wie "wär eigentlich a schöne Route" und schlurft demoralisiert nach. Ich folge und verteile noch ein bisserl rote Blutspritzer auf die Wand.
Die letzten zwei Seillängen hängen wir schweigend zusammen, Seilkommandos sind ohehin vom ersten gutgelaunten "STAAAAND" schon lange in schweigendes Seilzupfen übergegangen. Kein Grund für Worte, wir verstehen uns auch so. Die hinter uns müssen jetzt halt Gedanken lesen, wenn sie wissen wollen, wo wir grad sind. Is ma oba wurscht.

Wir erreichen den Ausstieg und blödeln rüber zum Gipfel. Das kleine Gipfelkreuz hätten wir zuerst fast übersehen. Dann folgt noch ein Foto, ein Gipfelbucheintrag. Ich schreib der Seilschaft nach uns ein paar Zeilen. Dass wir sie eh gern überholen hätten lassen oder vorgelassen hätten, sie hätten sich nur melden brauchen. War offenbar ein Kommunikationsproblem.
Es ist nicht mal halb 3 am Nachmittag. Leckoasch. So schnell waren wir sowieso überhaupt noch nie fertig, vor allem nicht, wenn wir einen "chilligen Tag" geplant haben. Was machen wir jetzt mit den restlichen 4,5h Sonnenlicht?
Jausnen am Gipfel ist mal angesagt, dann steigen wir in die Scharte ab. "Sollen wir noch zum Gipfel?", frage ich mehr halbherzig und deute zu einem anderen Berggipfel. Alex schaut mäßig motiviert die 300hm hinauf und zuckt die Schultern. So nach dem Motto: "owa wegen mir brauch'mas net...". Philip wäre motiviert, allerdings ist die volle Stimmung auch noch nicht wiederhergestellt, denn er gibt schnell auf. "Gemma zur Hüttn auf a Bier!".
Zwei Routen zu je vier Seillängen wären da auch noch in der Wand. 4 Seillängen, ginge schnell. Könnt'ma noch angehen. Topo hätt' ich mit. Keinen freuts mehr.
Wir steigen also weiter ab, passieren den Einstieg. Die zuvor ganz unten wartende Seilschaft ist gerade in der zweiten Seillänge. Hätten wir bloß auch länger geschlafen, dann wären das jetzt wir. Dann wär's sicher anders gelaufen. Gemütlicher.

Der Blick schweift weiter die Wand hinauf. Wer ist denn da grad am Ausstieg? Die Seilschaft nach uns?! Ich bin ungläubig. Wie gibts des jetzt? Wir haben inzwischen gejausnet, sind abgestiegen und die sind jetzt eh noch nicht mal oben? Die waren doch vorher erst kurz hinter uns? Kopfschütteln. Verwirrung. Wozu der Stress?
Auf der Hütte erstmal gemütlich ein Bierchen getrunken und die Almidylle genossen. Alle gut drauf. Keiner hat Stress.



Wir erinnern uns an ein paar Wochenenden zuvor. Wir waren eine g'miatliche Route klettern. Vor uns einige Seilschaften. Philip steigt vor. Ihm gefällt das gar nicht, wenn andere hinter uns sind, aber ihm behagts auch gar nicht, wenn andere langsam vor uns sind. Ich merke, wie ihn das stresst und wie er versucht, die Leute schon beim Zustieg abzuhängen. Das macht mir allerdings noch mehr Stress. Ich würde die alle immer am liebsten vorlassen.
Wir waren aber zu spät am Einstieg und haben die gesamte Route hindurch versucht eine Seilschaft zu überholen, die deutlich langsamer war als wir. Hat aber nie gepasst mit dem Überholen und summa summarum, sind wir erst am vorletzten Stand an ihnen vorbei. Wir hätten einfach 10min zwischendrin mal warten können um ihnen einen Vorsprung zu geben, allerdings sind uns auch schon wieder die nächsten Kletterer im Nacken gesessen.
Wir haben dann wenigstens nachgefragt, ob das ok ist und uns auch beim überholen entschuldigt, dass wir so lästig auflaufen und dass wir sie nicht stressen wollen. Der Vorsteiger war völlig gechillt, die junge Dame hat uns hoffentlich auch verziehen. Wir haben am Gipfel noch Topos für andere Routen getauscht und miteinander ein Schnapserl getrunken. Ich habe mir gewünscht die innere Ruhe dieses Vorsteigers zu haben. So muss das sein!

In Zukunft möchte ich aber weder die eine noch die andere Seite erleben. Ich will nicht diejenige sein, die anderen in mässig anspruchsvollen und nicht allzulangen Routen (Stichwort Anfänger), wo man alle Zeit der Welt hat, zu verstehen gibt, sie wären langsam, sie müssten sich beeilen und ich will auch nicht diejenige sein, die dauernd von nachfolgenden Seilschaften beobachtet wird und dazu angehalten wird, jetzt endlich mal weiterzuklettern, sie hätten ja nicht ewig Zeit.

Noch ärgerlicher ist dann eben, wenn  zu Beginn Stress gemachen und dann schlussendlich eh langsamer geklettert wird... muss das denn sein? Umgekehrt will man diesen Druck ja doch auch nicht, oder?
Klettern soll Spass machen, soll Stress abbauen und kein Speedbewerb sein.
Wenn ich Zeit für eine Stelle brauche, dann brauche ich Zeit für eine Stelle.
Wenn der Vorsteiger sich da nicht wohl fühlt, dann wird verdammt nochmal gewechselt, mir egal wieviel Zeit das kostet. Besser ein paar Minuten verplempert, als er legt vor lauter Stress und Unsicherheit einen Standsturz hin (sanft sanierte Klassiker, ihr wisst schon...).
Wenn einer stürzt, dann fragt man ob alles ok ist, bevor man ihn anschreit.

Ja, manchmal sind wir auch gestresst. Wenn wir um halb fünf am Nachmittag noch in der Dachstein Südwand hängen, DANN haben wir Zeitdruck. Dann stressen wir. Dann gehts um die Wurscht.
Wenn wir uns wirklich vertrödeln und das Abenteuer im Kopf beginnt, dann werden wir auch nervös, wenn Leute vor uns herumtrödeln. Ich versuche für mich immer höflich zu bleiben, andere nicht nervös zu machen, weil ich es selbst hasse, wenn mich jemand nervös macht. Die schlimmsten Fehler passieren unter Stress. Ruhe ausstrahlen, abwarten und im Zweifelsfall fragen, ob man vorbei darf. Irgendwo geht's sicher.

Keep calm and climb on!

Die wunderschöne, empfehlenswerte Route heisst übrigens Hallelujah und befindet sich am Gosaukamm.




Wenn man seine Ruhe nicht in sich findet, ist es zwecklos, sie andernorts zu suchen.
(François de La Rochefoucauld)