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Wilder Kaiser - Ein Garant für Abenteuer?

Der Kopftörlgrat ist mir unlängst spontan in den Kopf gekommen. Auf der Liste stand er schon lange, aber als wir nach der Route Zeitgeist am Ulrichshorn standen und in den Wilden Kaiser blickten, da ist aus mir herausgeschossen: "Kaiser wär wieder mal fein. Kopftörlgrat?". Philip zögert bei alpinen Abenteuern bekannterweise weniger, doch was definiert eigentlich ein Abenteuer? Auf dem Weg zum Ellmauer Halt, habe ich darüber nachgedacht, vielleicht wollt ihr mir beim Lesen etwas über den Kopftörlgrat folgen.

Philip hat sich den Kopftörlgrat wesentlich leichter vorgestellt, hat er mir gesagt. Ja, man stellt sich so einen schmalen Grat vor, Schwierigkeit IV- (III+ in alten Beschreibungen), wo soll man da schon groß Probleme finden? Am Grat kannst ja eh net aus, das sollte selbst im Kaiser nicht zu schwer sein.
Aber mit dem Kaiser ist nicht zu spassen, das mussten viele schon leidvoll feststellen und so kann aus der vermeintlich leichten Klettertour ganz schnell ein Abenteuer werden

Doch was definiert ein Abenteuer?

Der Duden definiert Abeneuer wie folgt:
- mit einem außergewöhnlichen, erregenden Geschehen verbundene gefahrvolle Situation, die jemand zu bestehen hat - außergewöhnliches, erregendes Erlebnis - (auch abwertend) riskantes Unternehmen
Als Abenteuer waren seit je her schon Erlebnisse definiert, die sich vom Alltag unterscheiden.

Und genauso  individuell ist auch das Empfinden, was für einen persönlich ein Abenteuer 
darstellt. 
Es hängt ja laut Definition damit zusammen dass es außergewöhnlich sein muss. Wenn ich also täglich einen Berglauf mache, dann wird ein normale Wanderung wohl kaum ein Abenteuer darstellen. Wenn ich allerdings nie in den Bergen bin und Höhenangst habe, ist eine ausgesetzte Wanderung sehr wohl ein Abenteuer.

Für ein Abenteuer muss man raus aus seiner Komfortzone, nicht weit, aber ein bisschen. Denn viel komfortabler wäre es ja, zuhause zu bleiben, wo man sicher ist. Denn der Ausgang des Abenteuers ist ungewiss. Man muss sich darauf einlassen, akzeptieren, dass es ein ungewisses Wagnis und eine Herausforderung ist.
Für die einen ist es eine Wanderung auf ausgesetzten Steigen, für andere die Kletterroute im vierten Grad, für andere eine 10+ Free Solo, für andere eine alpine Unternehmung im Himalaya.
Wir müssen unsere Abenteuer unserem Können und unseren Bedürfnissen anpassen, sonst ist der Spass sehr schnell vorbei und das Abenteuer war unser Letztes.

Der Kopftörlgrat

Abenteuer sind immer so eine Gratwanderung... manchmal tauchen sie einfach aus dem Nichts auf...

Da stehen wir jetzt also am Kopftörl und ahnen noch nichts von unserem Abenteuer.
Einstieg: da ist er ja. Ausgeprägtes Steigerl. Gefunden. Wir gehen weiter. Und dann verlieren sich die Spuren. Das Steigerl geht zwar weiter, aber sollten wir nicht mal hoch zum Grat? Topo lesen bringt auch nix. Haben wir uns zu wenig vorbereitet? Sind wir aus der Übung?
Ganz klar sind wir aus der Übung, sind wir doch dieses Jahr noch wenig geklettert, doch so schwer kann das nicht sein. Wir suchen, auf und ab und auf und ab. Da gehts nicht weiter. Das macht keinen Sinn. Mein Gefühl sagt kurz: Folge dem blöden Steig. Dann doch wieder: Aber wir sollten doch irgendwie am Grat klettern. Der Kopf ist heute nicht so ganz da. Wir sind eingerostet. Irgendwann finden wir dann hinauf auf die Scharte. Das macht Sinn. Weiter gehts. Philip steigt hoch. Der Fels sieht abgeschmiert aus, ja da gehts weiter.
Oder?
Dann fängt sich mein Blick in einer Schlinge. Ha! Eine Schlinge. Here we go! Route gefunden. Aber wir haben Stunden unserer wertvolle Zeit verplempert. Die Zeit tickt, ich erkenne nun die Größe des Unternehmens. Was, wenn wir nochmal irgendwo so lange herumsuchen? Ich bin nicht fit. Mental. Klettern könnt ich das sicher frei, vor allem mit den Kletterpatscherln, doch der Kopf... der Kopf ist wie immer der schwächste Muskel und der vorsieht "wir werden einiges sichern müssen, das kostet Zeit". Und mit der Zeit die verrinnt, steigt das Adrenalin.
Wir haben keine Stirnlampen mit, was wenn...

Ein Prise Optimismus gehört dazu. Scheitern ist keine Option.

Nein aber, normal sind wir recht flott. 3+... das wird schon zügig gehen. Die 3er Stellen am laufenden Seil, vorrausgesetzt wir verlieren die Route nicht wieder. Philip ist optimistisch. Das schaffen wir.
Also los!
Turm 2 zack! Turm 3, abgehakt. Vor uns liegt Turm Nr. 4.
Wir laufen auf eine Seilschaft auf, die wir vor unserem Verhauer noch auf Turm 3 herumwerkeln gesehen haben. Sollten die nicht schon viel weiter sein?
Wir stehen am Stand und quatschen mit dem Herren aus dem Schwabenländle. Die Erkenntnis, dass wir bei Turm 4 ansteigen, und nicht bei Turm 6 wirft ihn kurz mal aus der Bahn.

Dann tauchen hinter uns zwei Sologänger aus. Mit Laufschuhen. Locker flockig ziehen sie vorbei an uns und ich komme mir plötzlich absolut dämlich vor. Stellen wir uns nur extrem blöde an heute? Was scheissen wir hier mit dem Seil rum und sichern diese Babykletterei? Ich hab dazu noch Kletterschuhe an, wie schwer kann das denn sein? Es ist doch nur 'ne 3! Stell dich nicht so an Mädel, pack ein das Seil und los! Früher ging das doch auch? Ist das überhaupt sinnvoll was wir hier treiben oder sollten wir einfach auf der Couch zuhause bleiben, anstatt uns hier zum Affen zu machen? Führen wir uns hier auf, wie die die ersten Menschen? Und ich red' noch groß von Abenteuer hier herum... lachhaft...
Allerdings haben wir auch gerade zwei Seilschaften eingeholt, so schlecht können wir jetzt gerade auch nicht unterwegs sein. Warum sollte man sich nicht sichern, wenn man sich danach fühlt? Schmälert das die Leistung oder gar das "Abenteuer"?

Heh! Moment mal, das ist unser Abenteuer! Das machen wir, wie's uns passt!

Der Schwabe neben uns am Stand ist vom flockig locker leichten Kletterschritt der zwei Solisten sichtlich noch erschütterter als wir, doch dann entschwindet er gemächlich unserem Blick und Philip steigt ihm rasch hinterher. Ich folge auch gleich und oben checken wir die Uhr. 16.00. Heilige Scheisse, wo ist nur die verfluchte Zeit hin?
Adrenalin steigt weiter. Los, nur da rüber zum Gipfel und dann im Laufschritt ab nach unten zum Auto. Mein Kopf flüstert: "Keine Stirnlampe, Dani, keine Stirnlampe. Gebt Gas!".
Die Frage der zwei deutschen Seilschaften nach dem Notausstieg kommt auf. Wir erklären, sie sollen den roten Punkten folgen. "Ihr geht weiter?". Wir blicken nach vorne. Der Sonnenstand wirft lange Schatten. Sehr lange Schatten. Ja. Ja, das geht sich noch aus.

Wir müssen nur noch auf Turm 5 und 6, es sind nur mehr wenige Seillängen. Jetzt macht doch endlich Tempo, sagt die Kopfstimme leise.
Und dann stehen wir vor einer kleinen Scharte, in die man abklettern muss. Ausgesetzt. Geleck. Eh nur eine III-. Na dann auf gehts! Sind wir richtig? Ach ja, da ist ein Haken. Philip klettert los.
Nachsteiger sind beim Abstieg übrigens ziemlich im Nachsehen, fällt mir beim Aushängen der letzten Exe noch ein, ein bisserl ähnlich wie bei Querungen...  na egal, reinfallen ist eh keine Option... Konzentration ist da, Motivation auch.

Adrenalin hat mich schon immer sehr gut motiviert. In meinem Kopf tickt die Uhr und sichern kostet Zeit. Also weiter. Hopp Hopp. Philip ist, so glaube ich zu spüren, ein bisserl angenervt von meiner Stresserei. Er nimmt meine Nervosität auf, doch mich lässt Stress meist konzentrierter werden, bei ihm steigt zwar auch der Druck, aber er ist dennoch deutlich relaxter als ich.
 
Hat der keinen Stress? Keine Stirnlampe: Hallooooo?! Hab keine Lust im Dunklen runter zu laufen! Oder noch schlimmer, in der Hütte neben dem Gipfel biwakieren zu müssen. Brr...
Ich nehme das lästige Seil auf und scheuche ihn weiter. Rauf auf die nächste Stelle auf den Turm Nr. 5. Zuerst leicht, dann kommt eine 3+ Stelle. Wobei, wenn ich mir das Topo jetzt rückwirkend so ansehe, glaube ich waren wir da in eher in der Variante weiter links. Aber das sagen wir dem Philip jetzt mal lieber nicht.

(Nachträgliche Anmerkung von Philip:
Ich war zu dem Zeitpunkt hier sch...ß-nervös, aber ich versuch das immer ein bisschen zu verstecken - denn den Kletterpartner damit anzustecken bringt in der Situation wenig. Ich hatte zu dem Zeitpunkt zwar weniger Bedenken, dass wir die Tour nicht mehr schaffen, denn eigentlich stand nur noch der 5. Turm zwingend bevor; den Kamin am 6. könnte man ja umgehen. Allerdings spürte ich umso mehr, wie erschöpft wir beide schon waren - und ein Flüchtigkeitsfehler, ein kurzer unsicherer Schritt kann bei einer alpinen Kletterei mit sehr spärlicher Absicherung, wenn überhaupt, sehr schnell fatal sein...)



Die Uhr in meinem Kopf beflügelt mich. Normal hunze ich ja ganz gerne herum, wenn ich Zeit habe, überlege viel zu lange bei manchen Kletterstellen. Aber bei genügend Stress setzt offenbar mein Denken aus. Oder setzt die Angst aus? Offenbar übertüncht die Angst, dass uns die Zeit davon rennt einfach die andere Angst, nicht stürzten zu wollen: Angst im Kampf gegen Angst quasi. Die "gute" Angst gewinnt den Kampf und lässt mich förmlich den Grat hinauffliegen. Und dann sehe ich Philip am Stand neben dem sechsten Turm und das Gipfelkreuz des Ellmauer Halt lacht uns von nicht mehr allzuweiter Ferne an.


Und da ist mir klar: Der Grat ist geschafft! Die Schlüsselstelle, der Kamin auf den Gipfel ist locker noch drin, und wenn nicht, kann man ihn umgehen. Ab jetzt ist alles easy. Bis zur Hütte geht sich das alles loooocker noch aus, selbst wenn wir jetzt noch eine Stunde trödeln. Spannungsabfall deluxe.

Eine weitere Seilschaft haben wir auch noch eingeholt, wir treffen sie direkt im Kamin. Also genauer gesagt treffen wir den weiblichen Part der Seilschaft fluchend und eingeklemmt im Kamin, der männliche Teil der Seilschaft ist schon am Gipfel. Doch gleich hat sie es geschafft und wir machen uns ran.
Hätte ich mir bloß noch etwas Angst und Spannung aufgehoben, vielleicht hätte ich dann den Kamin weniger anstrengend in Erinnerung behalten.
Philip hat die Vorstiegsehre und ich bin froh darum. Denn den verfluchten Kamin wäre ich im Vorstieg niemals raufgekommen. Nach etwas probieren hab ich dann irgendwie mit Arsch-gegen-Wand-Technik meinen Zwergenfuß so weit hochgeschoben, dass er auf den kleinen Absatz reicht und ich kann mich hochziehen. Elegant sieht anderes aus, aber ich hab eh immer schon gesagt, dass Kamine für den Arsch sind! Gut, retrospektiv war die Stelle nicht so wild (ich hab schon wesentlich größere Kletterfauxpas hingelegt), aber nach 8h Gratherumgehample ist man halt auch schon etwas ausser Puste.
Und dann ist der Rest des Weges zum Kreuz nur noch Formsache und ich eile nach oben zum Gipfel. Die andere Seilschaft sagt uns schon gleich "Auf Wiedersehen" und wir stehen alleine am Ellmauer Halt. Ein bisserl Zeit bleibt uns noch für kurze Jausenpause, kurz Durchschnaufen und ein Resümee. War das ein Abenteuer!

Aber war es ein Abenteuer?

Der Begriff Abenteuer wird ja immer inflationärer gebraucht. Echte Abenteuer stehen Pseudoabenteuern gegenüber. Doch was ist ein echtes Abenteuer?

Der Ausgang eines echten Abenteuers ist ungewiss. Bei einem Pseudoabenteuer ist ein Scheitern mit sehr großer Wahrscheinlichkeit auszuschließen. Man durchlebt während eines echten Abenteuers physische, emotionale und mentale Wagnisse, die einem auf ebendiesen Ebenen Schaden zufügen können. Das muss nicht zwingend ein Absturz oder ein Verhauer beim Klettern sein, es kann auch eine Weitwanderung, eine Radtour, eine Reise oder eine Wanderung eine mentale oder physische Belastung hervorrufen und somit ein Abenteuer sein.
Natürlich waren wir uns ziemlich sicher, dass wir die Route meistern, dass wir so einer vergleichsweise einfachen Tour wie dem Kopftörlgrat gewachsen sind, aber sicher ist in den Bergen ja bekanntlich nichts. Und dass wir uns in einer vermeintlich leichten Tour verhaspeln, damit haben wir nicht gerechnet und schon war Anspannung vorprogrammiert.


Die zwei Sologeher, die uns am Grat davongezischt sind, werden sich jetzt lachend denken: "Solche Weicheier. Das war doch ein Spaziergang!"
Doch das Abenteuer steht ja nicht dort und wartet, bis es endlich losgeht. Das Abenteuer startet im Kopf. Das Abenteuer beginnt und scheitert mit deinem individuellen Können. Das Abenteuer passt sich dir an, denn es findet ja nur in deinem Kopf statt. Und es prägt dich: emotional, mental, aber natürlich auch physisch.

Die zwei Sologänger werden ihre persönlichen Abenteuer auf einer anderen Ebene des Könnens finden. Jeder hat das Recht auf sein persönliches echtes Abenteuer.
Oft entstehen Abenteuer aus Fehlplanungen, oftmals hat man einfach eine persönliche Hürde oder Grenze überwunden, hatte dabei Angst und dadurch wird die Situation im Kopf zum Abenteuer. 




Wer Abenteuer sucht, findet nicht immer das Angenehme. (Don Quijote)

Wenn Medien und Reiseanbieter und die Welt da draußen suggerieren, alles müsste immer und überall ein Abenteuer sein, dann bringe ich ein großes, lautes VETO ein.

Entgegen aller Werbung von Abenteuerreisen, Pseudo-"Expeditionen", Erlebnis-Events: Echte Abenteuer sind zu oft während des Erlebens gar nicht lustig! Oft empfindet man negative Gedanken, ist mit sich im Zweifel, es sind im aktiven Moment des Erlebens soviele andere Emotionen vordergründiger als Spass.
Der Spass und die Freude, kommen oft erst hinerher. Oder wenn gewiss wird: "Jetzt schaffe ich es". Ein richtiges Abenteuer frißt sich im Kopf ein, laugt dich meist aus, beschäftigt dich noch lange nach dem eigentlichen Erleben.
Von Abenteuern kann man lange zehren. Positiv beeinflusst, aber auch negativ. So etwas darf und kann nicht zur Regelmässigkeit verkommen, denn dann wäre es doch kein Abenteuer mehr? Wo wäre dann die Zeit, das Erlebte zu verarbeiten?

Der Kopftörlgrat vom Ellmauer Halt

Meine nächste Tour wird gemütlicher. Das habe ich mir vorgenommen. Das tut dem Erleben nämlich keinen Abbruch. So ein Abenteuer muss nicht jeden Tag sein, an manchen Tagen darf auch ruhig mal gemütlich Energie getankt werden. Wir werden ja sehen, wann uns das nächste Abenteuer heimtückisch auflauert. Denn das Leben ist voll davon! Das Leben ist das größte Abenteuer überhaupt!

Wo findet ihr euere persönlichen Abenteuer?
Beim Klettern?
Beim Bergsteigen?
Beim Canyoning?
Beim Reisen in ferne Länder?
Vielleicht bei ganz anderen Dingen?

Ich bin gespannt! 

Übrigens, weitere Touren im Kaiser gibt es hier:

- Zettenkaiser Westgrat (III)

- Hackenköpfe - Überschreitung (II)

- Kraxengrat (IV-) 

- Rigelekante (V)

- Jofenspitze Winterbesteigung (Zahmer Kaiser)

- Skitour Ellmauer Tor 

- Winterbesteigung Ellmauer Halt