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Endloses Weiß.
Fokus.

Schritt um Schritt.
Die Gedanken schweifen wieder ab.

Alles ist monoton.
Links von uns ein Meer aus Spalten.
Tänzelnd bewegen wir uns über Schneebrücken zwischen einschneidenden Canyons aus Schnee und Eis, genießen die Fernsicht vom Gipfel und lernen Respekt vor dem Berg, in den Untiefen seiner Eismasse.
Wir sind hier, weil unsere Freunde noch letzte Vorbereitungen treffen für die Expedition, die vor ihnen liegt.
Ein bisschen Aufregung macht sich breit. Wir üben. Wir lachen. Wir lernen.

Ein Sologänger zieht an uns vorbei. Sieht uns etwas schelmisch an. Plötzlich dreht er bei und nähert sich unserer Übungsspalte.
"Die rechte Spur, die ist g'scheit fahrlässig angelegt", meint er nur. Wir sehen ihn mit großen Augen an. Kurzes, ärmelfreies Shirt, Hose aufgekrempelt, steht er lässig vor uns. Wir, die in Primaloftjacken und Hardshells nach einigen Minuten in der Spalte oder heraussen beim Sitzen im Schnee nass und durchgefroren sind, stehen ihm gegenüber. Fahrlässig ist hier wohl nicht die Spur.
"Na, weil die geht voll durch die Spaltenzone", sinniert er weiter, 2 Meter vor unserer riesigen Spalte stehend, nichts ahnend, wo die nächste Spalte unter einer fragilen Schneebrücke vergraben ist. Vor ihm? Hinter ihm?
Ja sicher, die Spur ist's wohl... denken wir uns schweigend unseren Teil. Hans schüttelt den Kopf. Auch er ist sich des Risikos am Berg vollends bewusst, doch vor Spalten hat der erfahrene 8000er-Bergsteiger auch großen Respekt. Ist er doch schon ein paar mal unerwartet darin gelandet, wurde jedoch immer vom Seil und den daran hängenden Kameraden gehalten. Hans dreht sich nur weg, wir alle üben uns in Schweigen.
Die "Rechte Spur" ist nicht mehr oder minder spaltig als die "Linke Spur" zum Vendiger. Steiler ist die eine Variante, führt sie doch einen Umweg über den Kleinvenediger. Wir sind beide Varianten gestern gegangen, einige Spalten haben sich erst im sulzigen Nachmittagsschnee offenbart.
Ich stapfe als Seilschaftsletzte der schon vorhandenen Spur den anderen nach. Die Füsse sinken tief ein, es ist anstrengend. Ich knicke wieder links weg. Hui, ist das tief, unter meinem Fuß findet sich beim herausziehen desselben ein dunkles schwarzes Loch. Schneebrücke durchstochen. So fragil. Wieviele Leute hätte sie wohl noch gehalten?

Der Alleingänger erntet keine weitere Resonanz von uns, wir sind zu beschäftigt mit unserer Kameradenbergung. Oliver, seines Zeichens Bergführer und auch Bergretter, schüttelt auch nur den Kopf. "Manche kannst net helfen," murmelt er und wendet sich wieder dem T-Anker zu. Der Alleingänger grinst verlegen und macht sich an den Abstieg.





Warum muss man auf die hohen Berge steigen?


Ja warum muss man das? Gar nichts muss man, aber man kann. Und Fakt ist doch, diejenigen, die zuhause bleiben, sehen sich mit Vorliebe genau diese Bilder, Filme und Vorträge an. Die Höhe, die Kälte, Entbehrungen, Anstrengungen, Eis und Schnee und das "Über den Dingen stehen", übt also eine gewisse Faszination auf uns aus und gleichzeitig birgt es natürlich ein enormes Gefahrenpotential.



Sieht man sich die Statistik (2013 bis 2014) in Österreich an, so glaub man auf den ersten Blick, Hochtouren an sich wären nicht sonderlich gefährlich. 957 verletzte Wanderer stehen 46 verletzten Hochtourengehern gegenüber. Einzig die Disziplin Skiroute/Pistenfahren kann das Wandern bei der Unfallstatistik abhängen (über 4000 Verletzte).
Wenn man nun aber bedenkt, dass durch mehr als 50000km gewarteter Wanderwege eine große Menge an Menschen Österreich erwandert (im Vergleich zu einer viel geringeren Anzahl an Hochtourengehern), scheint es nicht überraschend, dass 20x so viele Menschen beim Wandern verunglücken als bei Hochtouren. Rechnet man also die Unfälle bei Hochtouren bzw. beim Wandern auf die geschätzte Anzahl der Akteure in der jeweiligen Disziplin auf, so wird sich die Wahrscheinlichkeit eher umkehren und zeigen, dass in jeweilige Relation auf die Anzahl der Sportler, bei Hochtouren 20x mehr Unfälle passieren als beim Wandern.

Risiko Hochtour

Im Durchschnitt sterben in Österreich pro Jahr 5 Personen bei Hochtouren. Davon sind 2/3 Männer, was wohl aber auch daher rührt, dass Männer häufiger auf Hochtouren anzutreffen sind. Vergleicht man die Anzahl der Todesopfer bei Hochtouren, mit derer beim Klettern, so mutet Klettern als weitaus gefährlicher an (11 Todesopfer pro Jahr).
In der Schweiz sieht die Sache anders aus, hier ist die Anzahl der Todesopfer bei Hochtouren, mit einem Schnitt von 35 Toten pro Jahr weitaus höher (1984 bis 2015: Mittelwert).
Die Unfallart schwankt freilich und ist auch eng mit dem Wetter des betreffenden Sommers verknüpft. Je schlechter das Wetter, desto weniger Hochtouren werden durchgeführt. Natürlich sinkt auch damit die Unfallwahrscheinlichkeit und auch die Art des Unfalls.

Mussten im Jahr 2014/2015 nur 7 Leute aus Spalten geborgen werden, so waren es in den Jahren 1995-1997 ca. 13 Leute pro Jahr. Dafür war im Jahr 2015 Absturz eine häufige Unfallursache.

Je höher der Berg, desto höher das Risiko? Auf den 8000ern, dem Dach der Welt.

Höhenbergsteigen jenseits der Todeszone ist natürlich risikoreicher als Hochtouren zuhause in den Alpen. Zu den Gefahren wie Wetterumschwung, Lawinen, Steinschlag, Absturz, gesellt sich das Problem der Höhe. Die meisten Todesursachen beim Höhenbergsteigen sind direkt oder indirekt mit Hypoxie verknüpft und könnten durch bessere Akklimatisation sicher verringert werden.

Da bleibt dir die Luft weg!

Der Luftdruck halbiert sich auf etwa 5.500 m Höhe im Vergleich zum Meeresspiegel, in Höhe des Mt. Everest erreicht der Luftdruck nur noch etwa ein Drittel des Normaldrucks auf Meereshöhe. Der Sauerstoffanteil in der Luft bleibt bis etwa 15 km Höhe konstant bei ca. 21 %, allerdings sinkt der Sauerstoffpartialdruck, was letztendlich zu einem Sauerstoffmangel im Gewebe führt.
Je größer die Zielhöhe, desto länger braucht die Akklimatisation. Ab 3000m (sofern man länger in dieser Höhe bleiben will) ist eine Akklimatisation nötig. Vorhersehbar ist die Anpassungszeit nie, denn es gibt auch völlig unsportliche Personen, die über die natürliche Fähigkeit verfügen, die Konzentration an Erythrozyten zu verdoppeln und die sich somit länger in großen Höhen aufhalten können. Bei anderen Personen steigt die Konzentration auch bei längerer Anpassung nicht so stark – auch wenn sie sehr sportlich und austrainiert sind.
Wegen der Kälte ist auch die Höhenluft sehr trocken, daher verliert der Körper nur über die Atmung bereits so viel Wasser, dass etwa sieben Liter tägliche Wasserzufuhr notwendig wären. Oft wird ein Wassermangel aufgrund anderer Faktoren, wie Erschöpfung und Anstrengung, nur nicht wahrgenommen. Dabei ist zu beachten: Zu viel Flüssigkeit fördert die Ausbildung der Höhenkrankheit. Die klinisch-neurologischen Störungen der Höhenkrankheit werden durch Ödembildungen (Wassereinlagerungen) hervorgerufen.

Folgende Haupttodesursachen kann man zusammenfassen:
  • Plötzlicher Tod durch Lungenembolie
  • Tod durch Lawinenverschüttung, Absturz, Spaltensturz und Unterkühlung
  • Tod durch die Höhenunfälle,Lungenödem und Hirnödem

Im Schnitt kommen bei allen 8000ern zusammen auf 1 Toten 8 Gipfelerfolge. Natürlich ist bei manchen Bergen die Anzahl der Todesopfer in Relation zu den Gipfelsiegen weit weniger hoch als bei anderen. Insgesamt erreichten 10.899 Personen einen Achttausender-Gipfel. Dabei starben insgesamt 753 Personen (ca 7 Prozent), etwa 200 davon an einem Höhenödem.

Leistungsfähigkeit in der Höhe

  • Die maximale aerobe Leistungsfähigkeit bleibt bis ~ 1.500 m unverändert.
  • Über 1.500 m nimmt die maximale Leistungsfähigkeit alle 1.000 m um ~10–15% ab! (Individuelle Variabilität! Höhere Leistungsabnahme bei Trainierten!)
  • Jede physische Aufgabe erfordert in der Höhe einen größeren Prozentsatz an verfügbarer maximaler Leistungsfähigkeit als auf Meeresspiegelniveau.

Rekordsucht und Leistungsdruck

Begonnen hat die Besteigung der höchsten Berge dieser Erde mit dem Pioniergeist der Briten. Nachdem das britische Empire beide Pole erkundet hatte, wurden Expeditionsteams nach Tibet geschickt, vorrangig um die höchsten Berge zu vermessen, aber um 1922 auch mit dem Ziel, den Gipfel des Everest zu erreichen.
Man glaubt mittlerweile, alles wäre schon getan worden auf den höchsten Bergen der Welt, doch immer wieder werden die Grenzen verschoben. Rekorde werden aufgestellt und gebrochen: Der erste Blinde, der erste Gleitschirmflug, Skiabfahrten, Snowboardabfahrten und auch jährlich neue Bestzeiten - das alles findet sich beim Everest. Oft macht es den Anschein, als ob Gier nach Ruhm und Ehre, sowie Abenteuer aus zweiter Hand die Szene dominieren - dass die Berge, vor allem die mächtigsten und höchsten der Erde, die jahrtausendelang als Sitz der Götter respektiert wurden, rücksichtslos zu Turngeräten degradiert werden. Kommerz bestimmt die Welt und mit dem Kauf von Büchern, Videos und Eintrittskarten zu spektakulären Filmen über die Rekorde auf ebendiesen Bergen, legitimieren wir diese Entwicklung.
Dennoch sucht hoffentlich die große Mehrheit der Höhentouristen, trotz der Absurdität in diese unwirklichen Sphären einzudringen, die an sich nicht für das menschliche Leben geschaffen sind, noch immer das unbeschreibliche Naturerlebnis, der so faszinierenden Hochgebirge dieser Erde.

Das "WARUM" ist keine Frage. Warum steigen wir auf die Berge?

Warum steigen wir auf die höchsten Berge, obwohl wir wissen, dass es höhere Risiken birgt, als die meisten anderen Dinge im Leben.

Es geht nicht nur darum seine Grenzen zu finden, zu verschieben, sich selbst zu spüren und zu begreifen. Es geht darum das Erlebnis Berg zu leben, völlig losgelöst von den Zwängen und Pflichten des Alltags zu sein. Bergsteigen, insbesondere Höhenbergsteigen sind Zeichen unserer Wohlstandsgesellschaft und unserer Luxuswelt. Und doch geht es genau darum, diese Welt hinter sich zurückzulassen und die Stille der Berge zu spüren. Jede Situation am Berg ist anders, nichts ist vorhersehbar und doch ist man, weit mehr als im Alltag im Tal, Herr/Frau seines Schicksals.
Die Sonne auf der Haut, nahendem Unwetter entronnen, mit guten Freunden gemeinsam am Gipfel, der Atem kondensiert in der kalten Luft. Anspannung, Freude, Leid, Angst, Erleichterung, Glück. Gefühle, die man im Alltag selten in dieser Intensität spürt. Gefühle, die einem beweisen am Leben zu sein.
Planung, Wissen und Know-How und eine Portion Glück, die dem Restrisiko das Schnippchen schlägt, sind genau die Zutaten, um den ersehnten Gipfel erreichen zu können.

Wir beschäftigen uns noch weiter mit unserem Techniktraining, doch was bleibt ist klar: Das Restrisiko und die Gewissheit, dass Improvisationsvermögen oftmals das Einzige ist was zählt. Denn keine Situation ist gleich.
Doch ist nicht genau das die Herausforderung, die wir suchen?

Quellen:
analyse:berg Sommer 2015/Winter 2015/16
bergundsteigen Februar 2004
bergundsteigen Jänner 2002
bergundsteigen März 1999
Land der Berge 08/2011
Bergnotfälle Schweiz 2015 (www.sac.ch)
www.alpinmedizin.org