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Die Encantados (catalan "encantats") - zu deutsch "Die Verzauberten" liegen im Nationalpark Aigüestortes, der völlig zu unrecht etwas weniger bekannt ist, als seine berühmten Nachbarn Ordesa und Maledeta.

Stolpersteine am Weg zur Verzauberung

Encantado kann ebenfalls mit "erfreut" übersetzt werden, erfreut hat mich die Bergtour an diesem Tag eigentlich weniger. Nicht weil sie nicht schön wäre. Nicht weil sie nicht einsam wäre. Irgendwie war an diesem Tag alles gegen uns. Inklusive meiner eigenen Stimmung. Nach einer eisigen Zeltnacht, die dank unserer Flauschi-Schlafsäcke sich aber wohlig gestaltet hat, sind wir mit einem komplett nassen Zelt aufgewacht. Denn Spanien ist entgegen der Erwartung aller, denen wir davon erzählen, zu dieser Jahreszeit und in dieser Gegend das Gegenteil von warm. Und schon gar nicht trocken. Nachdem wir also das waschelnasse Zelt verstaut haben (Memo: Zeltabbau vor der Bergtour ist stressig) sind wir losgedüst.

Auf nach Espot zum Parkeingang - Start mit Hindernissen

Zuerst sind wir mal auf den großen Parkplatz am Ortseingang gefahren und haben geparkt. Im Reiseführer steht ja wieder nicht beschrieben, dass man mit dem eigenen Auto auch noch weiter in den Park hineinfahren kann, bis dann vor dem Parkplatz weiter oben endgültig Schluss ist. Der Reiseführer geht davon aus, dass man Gehfaul ist und das Taxi benutzt.

Der Parkplatz unten im Ort ist also nur für die Touristen, die mit dem Jeep gegen bare Münze bis ganz nach drinnen, direkt zum Lago de San Mauricio kutschiert werden wollen. Das wollen wir natürlich nicht. Erstens: dann müssten wir auch wieder mit dem Auto herausfahren und Zweitenswollen wir diese Art des "Naturschutzes" nicht unterstützen. Entweder Autoverbot oder gar nicht! Denn Touris zu verbieten, mit dem eigenen Auto in den Park zu fahren, dann aber selbst mit uralten Benzinschleudern im Minutentakt Touristen hinein zu kutschieren, hat mit Naturschutz weniger zu tun, viel mehr mit Abzocke.
Wenns wenigstens Shuttlebusse wären, aber nein, es sind Jeeps, die auch nicht mehr Insassen fassen als unser Mietwagen. Eine Flotte von ca. 20 Jeeps wartet schon im Ort und wird den ganzen Tag ununterbrochen im Einsatz sein.

Wir gelangen also nach einer halben Stunde herumirren und Informationsbeschaffung (Info Point: Fehlanzeige) wieder retour zum Auto und kutschieren zum weiter beim Parkeingang gelegenen Parkplatz. Dort erhalten wir dann auch wirklich eine Info und eine mässig zu gebrauchende Karte, die wir umgehend in der Rundablage entsorgen.
Naja, wir sind ja selber schuld, hätten wir mal ordentlich auf die Karte geschaut, anstatt gleich loszulaufen. Wir hätten wissen müssen, dass man in Spanien keine Informationen erhält (das scheint sich irgendwie durchzuziehen und erklärt, warum das mit dem Tourismus nicht überall so wirklich klappen will).

Schöner Wanderweg zum Estancy de San Mauricio

Dann starten wir den Fußmarsch hinauf zum Lago de San Mauricio. Der Weg ist an sich ganz nett zu gehen, auch mit Familie gut geeignet, wir überholen auch ein paar Eltern mit Rückentrage. Alles keine Hexerei. Und dann stehen wir am Lago de San Mauricio. Wirklich schön und idyllisch, nur leider zieht der Gran Encantado eine Wolke an. Und generell schiebt sich eine Wolkenfront auf uns zu, die mich persönlich absolut nicht interessiert. In den Pyrenäen im bröseligen IIer Gelände herumeiern, ohne Sicht? Nein danke!


Wir beschließen also: Frühstück am See. Genüßlich wird gespeist und die Idylle genossen, bis die Schulklassen des Grauens auftauchen. Spanische Teenager sind noch anstrengender als pubertierende ÖsterreicherInnen, auch der Lautstärkepegel ist dementsprechend hoch, da offenbar eine gesamte Oberstufenschule hier zusammenkommt.
Wir ergreifen regelrecht die Flucht. 50 Kids zwischen 14-18 sind ja so gar nicht unser Ding und wir nehmen Reißaus! So schnell hat hier wohl noch nie jemand seine Jause eingepackt. Doch zwischen Geschrei, lautem MP3 Gedudel, Handyselfies und schimpfenden Lehreren, lässt sich Idylle nicht mehr so gut leben. Ein bisschen beleidigt bin ich aber doch, ich hätte so gerne ein bisserl die Seele baumeln lassen. Nur was nun?
Es gäbe noch ein paar feine Seen, weiter höher gelegen, die wir ansteuern, doch ich merke sehr schnell: Philip verdreht sich schon förmlich den Hals, beim Rückblick auf den Encantado. Warum der Berg es ihm so angetan hat, werde ich nicht verstehen, aber irgendetwas Magisches scheint ihn hier anzuziehen...


Magie aus Stein

Natürlich steckt eine Sage hinter den "Verzauberten". Zwei Jäger sind hier zu Stein verwandelt worden, weil sie die Wallfahrer, die sich auf einer Pilgerfahrt zur  Eremitage befanden, verspottet haben sollen.
Die Gran Encantants sind sehr begehrt, der große wird weit häufiger bestiegen als der kleine Encantant, der doch mit einer höheren Schwierigkeit aufwartet. Auch im Winter sind die Encantants ein beliebtes Ziel, gibt es doch eine schöne 50° Rinne zu besteigen.

Faulenzen oder Bergsteigen? Versöhnung am Gipfel...

Aber da sind wir ja noch immer unten zwischen den Seen und im Geiste habe ich den Encantant schon abgehakt, will ich doch eh viel lieber idyllische Seefotos machen, oder warum schleppe ich die blöde Kamera eigentlich die ganze Zeit mit mir herum? Das Wetter sieht auch mässig einladend aus...  hach... wir machen uns weiter auf den Weg in Richtung Estancy de Ratera. Philip zerreisst sich förmlich das Genick, vor lauter Umdrehen. Die Encantados sehen doch zu verzaubert aus...
Kurzes hin und her später machen wir uns wieder auf den Weg hinunter zur Abzweigung, die uns in weglosem IIer Gelände über die Via Normal auf den Gran Encantado bringen soll.
Zuerst an der Hütte Enest Mallfré vorbei, führt unser Weg, stehts mit Steinmännern markiert in einem Rechtsbogen an den Encantats vorbei.

Sobald man eine schottrige Rinne zu seiner Linken erblickt, ist man Richtig. Der Weg ist durchgehend mit Steinmännern markiert und auch gut ausgetreten. Auf der OSM Karte ist er sogar eingezeichnet.





Ausblick vom Gipfel



Im oberen Bereich sind dann doch sehr ausgesetzte Passagen im IIten Grad zu klettern, hier heißt es zupacken. Es gibt aber auch einen Abseilstand am Gipfel, für all jene, die sich mit dem Abklettern schwer tun.
Wir sind abwechselnd von Sonne und Nebel umgeben, mal scheint es aufzulockern, mal scheint das Wetter sich zu verschlechtern. Mein Gefühl war diesem Berg von vornehinein negativ eingestellt, das hat sich bis zum Gipfel dann endlich gelegt. Das Klettern war eine Freude, der Fels etwas bröselig, aber in Ordnung.
Als scheint der Gipfel mich noch einmal verhöhnen zu wollen, verhüllt er uns auf seiner Spitze mit Nebelschwaden, erst in der Scharte unten beim Abstieg reißt es wieder auf, als wolle er mir sagen: "Du hast mir nicht getraut, aber sieh nur, wie schön es hier oben bei mir sein könnte!".


Ja, schön kann es sein, im Aigüestortes, dem Wunderland aus tausenden Seen und einsamen 3000ern. Sobald man sich vom Hauptweg und der Masse entfernt, offenbart sich ein einsames Paradies.

FACTS:
Start beim Parkplatz in Espot
Ziel. Gran Encantant (2747m)
Höhenunterschied: ca 1050hm
Distanz: ca. 14km

GPS: