Hauptinhalt des Blogs

Blogartikel

Artikelinhalt

FACTS zur Tour:
Start: Moraine Lake
Ziel: Mount Temple (3544m)
Höhendifferenz und Distanz: ca. 1750hm und 16,6km
Schwierigkeit: moderate Scrambling, nicht schwerer als UIAA II
GPS Track Download


Heute steht Großes am Programm. Das Wetter dieser Tage ist ausgezeichnet - zwar relativ heiß für hiesige Verhältnisse, aber sehr stabil und tourentauglich. Daher gehen wir heute einen Scrambling-Klassiker des Banff Nationalparks an, den mit seinen 3544m höchsten durch Scrambling erreichbaren Gipfel der Canadian Rockies, der Mount Temple. Sein mächtiger Gipfelblock thront eindrucksvoll über der Lake Louise Area und dementsprechend beliebt ist dieser Berg auch, trotz seines nicht zu unterschätzenden Hochgebirge-Charakters. Schon einige Male ist seine gefährliche Natur unterschätzt worden, in sehr tragischer Weise zum Beispiel 1955, als hier 12 Schüler die rasch wechselnden Wetterverhältnisse unterschätzt haben und 7 davon durch eine Lawine umgekommen sind.

Lawinen haben wir heute nicht zu befürchten - in den vergangenen zwei Wochen hat eine unkanadische Sommerhitze in Windeseile fast alle Schneereste zum raschen Schmelzen gebracht, sodass uns heute ein de facto schneefreier Anstieg gelingt. Zu dieser Jahreszeit, also zu Beginn des kanadischen Sommers, ist das höchst ungewöhnlich und auch für uns überraschend, weswegen wir zunächst auch mit Steigeisen und Pickel ausgerüstet anschreiten. An den Larch Meadows angekommen, also den idyllischen Bergwiesen oberhalb des Moraine Lake, die noch gemütlich per Trail zu erreichen sind, errichten wir daher ein Pickel-Depot, denn hier eröffnet sich ein schöner Blick auf den fast schneefreien Mount Temple.
Von den Meadows gehts dann noch empor zum Sentinel Pass, dem Ende des markierten Trails und ebenso dem Ende der meisten Wanderer.


Nun gehts über die eigentliche Scrambling-Route weiter, für die es wie beim Mount Temple und Cascade Mountain eine recht brauchbare Routenbeschreibung von der Nationalparkverwaltung gibt. Das ist auch gut so, denn wie bei all diesen faszinierenden Bergmagneten taucht auch hier die Spezies jener Besteigungsaspiranten vermehrt auf, die fehlende Erfahrung und Ausrüstung durch schieren Gipfelgeifer auszugleichen versuchen - obwohl dieses Phänomen, wie schon an anderer Stelle erwähnt, wegen der fehlenden Wegmarkierung bei Scrambling-Routen hier in den Rockies weniger ausgeprägt ist als in den intensiv beschilderten Alpen.
Wer sich aber gern auch mal auf unmarkierten Wegen befindet und schon ein bisschen Erfahrung im Scrambling gesammelt hat, wird hier am Mount Temple Vergnügen finden. Die Kombination aus Steinmännern und deutlichen Wegspuren lassen bei regelmäßigem Innehalten und Studieren des weiteren Anstiegs wenig Zweifel bei der Wegsuche übrig. Die Krux dieser Route, zwei zu überwindende Felsbänder, sind hervorragend im "scrambler's guide" beschrieben und gehen nicht über UIAA II hinaus. Während wir aber zwar keine Eisausrüstung benötigen, erweisen sich unsere Helme hier als recht nützlich: Die Bänder sind - wie üblich in den Rockies - mit losem Gestein übersät und nur allzu schnell ist unbeabsichtigt eine kleine Steinlawine losgetreten.

Nach Überwinden der Felsbänder ist der weitere Weg klar und unschwierig, und nur an vereinzelten Stellen ist nochmal Handeinsatz nötig. Ansonsten gilt es eher, Höhenmanagement zu betreiben, denn jenseits der 3000m wird die Steigleistung bei uns unakklimatisierten Scramblern doch merkbar geringer. Leider ist von Bolivien letzten Sommer nichts mehr übrig in unserem Blut ;-)

Nach etwa 4 Stunden insgesamt erreichen wir den Gipfel, der uns mit Wind und großartigem Panorama begrüßt. Daher halten wir uns an eine bewährte Strategie im schwierigen und/oder hohen Berggelände und machen uns bald wieder an den Abstieg.


Kurz oberhalb des Sentinel Pass, also nach der Krux und kurz vor Beginn des unschwierigen Trails, machen wir es uns nochmal gemütlich und genießen mit unseren Hummus-Sandwiches die Aussicht. Etwas unterhalb tummeln sich die Massen, denn während uns auf der Temple-Route nur eine Handvoll Scrambler begegnet, ist der Trail über das idyllische Larch Valley bis zum Sentinel Pass offenbar recht beliebt - wie wohl alle Trails in unmittelbarer Umgebung des sehr schönen, aber halt auch heillos überlaufenen Moraine Lake.

So gesehen erwischen wir es durch unsere Kombination mit einer Bergtour immer recht gut: Denn gerade am frühen Morgen, wenn die meisten Touristen noch das wohlige Federbett ihrer Lodges genießen, sind auch diese (zu Recht) beliebten Sightseeing Spots weitgehend ausgestorben und verraten einen Touch von kanadischer Einsamkeit in Kombination mit einer gewaltigen, beeindruckenden Landschaft.



Weltbekannt und am Morgen noch sehr idyllisch: der Moraine Lake.

Rechts der Mount Temple, bildmittig der Eiffel Peak.

Etwas Kletterei an den Felsbändern der Schlüsselstelle.

Der Mount Lefroy heute von der anderen Seite.

Am erstaunlicherweise völlig schneefreien Gipfelgrat.

Moraine Lake vom Gipfel aus gesehen.

Die mächtigen Gletscher des Mount Victoria.

Mount Assiniboine in der Ferne.


Eigentlich viel zu warm momentan am Gipfel ;-)

Nochmal Konzentration beim Abstieg.

Letztes Gipfelposing, bevor wir wieder am Sentinel Pass ankommen.

Im Larch Valley.